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Berufliche Barrieren abbauen

Zucker im Blut und im Gewebe einfach erklärt

Dr. med. Michael Eckhard, Chefarzt der GZW Diabetesklinik Bad Nauheim und Vorsitzender der Hessischen Diabetes Gesellschaft (HDG)
Bad Nauheim (HR). Sieben von zehn Menschen mit Diabetes sind im erwerbsfähigen Alter – und die meisten von ihnen tragen täglich wesentlich zur Wertschöpfung in Deutschland bei. Doch erleben viele nach wie vor Vorbehalte, Unsicherheit und teilweise auch Ausschluss im Beruf, obwohl die moderne Diabetologie längst zeigt: Wer gut eingestellt ist, kann nahezu jede Tätigkeit sicher ausüben.
Anlässlich des Weltdiabetestags 2025 unter dem Motto „Diabetes and well-being – Diabetes and the Workplace“ ruft Dr. med. Michael Eckhard, Chefarzt der GZW Diabetes-Klinik, unter Berufung auf den Ausschuss „Diabetes und Soziales“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Arbeitgeber, Betriebsärzte und Politik dazu auf, die Realität in der Diabetologie auch in den arbeitsmedizinischen Regelwerken abzubilden und Barrieren abzubauen.
Rund zwei Millionen Berufstätige in Deutschland leben mit Diabetes. Dank moderner Therapien und digitaler Technologien wie CGM (kontinuierlicher Glukosemessung), AID-Systemen (Automated Insulin Delivery), Insulinpumpen und neuen Medikamenten können sie ihre Erkrankung heute sicher managen und sind in der Lage, fast jede berufliche Herausforderung zu meistern. „Diese Fortschritte haben die Arbeitsfähigkeit von Menschen mit Diabetes revolutioniert“, sagt Dr. Eckhard.
Für die meisten Betroffenen entfielen nahezu alle früheren Einschränkungen im Berufsleben: Ihre Lebenserwartung liege heute fast auf dem Niveau stoffwechselgesunder Menschen, und die Zahl der Fehltage sei – verglichen mit anderen Erkrankungen – gering und weiter rückläufig. „Wir sind heute medizinisch und technisch deutlich weiter als vor 20 oder 30 Jahren.“
„Alte Denkmuster behindern Chancen“
Trotz dieser Entwicklungen gälten in bestimmten Berufsfeldern wie Polizei, Bundeswehr, Zoll oder im Schienenverkehr weiterhin Ausschlusskriterien für Menschen mit Diabetes. „Diese Regelungen stammen aus einer Zeit, in der Unterzuckerungen schwer vorhersehbar waren“, erklärt Dr. med. Wolfgang Wagner, Vorsitzender des Ausschusses Soziales der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung (GBU) laut § 5 ArbeitsSchutzGesetz müsse heute begründet werden, warum ein Mensch mit Diabetes nicht ausgebildet oder bei entsprechender Qualifikation nicht am betreffenden Arbeitsplatz eingesetzt werde. Die Beweispflicht, dass eine Tätigkeit nicht ausgeübt werden könne, liege also beim Arbeitgeber und dessen Betriebsärztin bzw. -arzt mit Rücksprache der behandelnden Diabetologin bzw. Diabetologen. Ein genereller Ausschluss von Menschen mit Diabetes ohne individuelle Gefährdungsbeurteilung diskriminiere Betroffene in ihren beruflichen Möglichkeiten und sei unhaltbar.
Dr. Wagner plädiert dafür, die arbeitsmedizinischen Eignungsrichtlinien an den Stand der Wissenschaft anzupassen – nach dem Vorbild anderer europäischer Länder wie Großbritannien oder Österreich, in denen bereits individuelle Risikobewertungen üblich seien. Veraltete Verordnungen förderten nicht nur die Diskriminierung und den Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen, sie verstärkten zudem den Fachkräftemangel unnötig.
An Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner appelliert Dr. Eckhard, ihr Wissen über Diabeteserkrankungen aufzufrischen. Wissen schütze vor Vorurteilen; wer verstehe, was moderne Diabetestechnologie und eine individuelle Therapie leisten könnten, erkenne, dass Diabetes kein Ausschlusskriterium mehr sei. Umgekehrt entstehe Wohlbefinden, wo Verständnis wachse.
„Ein unterstützendes Arbeitsumfeld ist entscheidend für das Wohlbefinden Betroffener“, sagt Dr. Eckhard und zeigt sich erfreut darüber, dass das diesjährige Motto des Weltdiabetestags „Diabetes and well-being at Work“ auf dieses wichtige Thema aufmerksam mache. Nun seien Politik und Gesellschaft in der Pflicht, veraltete Denkmuster und Vorschriften aufzubrechen und das Denken zu verändern, denn: „Nicht die Erkrankung schränkt ein, sondern die Rahmenbedingungen.“
