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Gebären ganz aus eigener Kraft

Die Mit-Initiatorinnen des Hebammenkreißsaals, Dr. med. Anika Rifi (rechts) und Leitende Hebamme Margit Gründer, mit (von links) Bürgermeister Klaus Kreß, Landrat Jan Weckler und Bürgermeister Kjetil Dahlhaus.

Das Hebammenteam
Bad Nauheim (HR). Die Intimität einer Hausgeburt mit dem schützenden Rahmen einer Klinik zu verbinden, ist das Ziel des hebammengeleiteten Kreißsaals der Frauenklinik des regionalen Klinikverbundes Gesundheitszentrum Wetterau (GZW) am Hochwaldkrankenhaus Bad Nauheim. Vor zehn Jahren als erste Einrichtung dieser Art in Hessen zusätzlich zum herkömmlichen interdisziplinären Kreißsaal eröffnet, bringen inzwischen etwa 70 Frauen jährlich dort ihr Kind zur Welt, ohne Hilfe von Schmerzmitteln, ganz aus eigner Kraft. Zu einem Festakt aus Anlass des zehnjährigen Bestehens trafen Gäste aus Politik und Vertreter von Kooperationspartnern und einigen Serviceclubs auf ein motiviertes Team aus Hebammen, Kinderkrankenschwestern und Ärztinnen.
„Wir glauben, dass eine Geburt mehr ist als nur ein medizinischer Vorgang. Es ist der Moment, in dem eine Familie geboren wird“, leitete Dr. med. Anika Rifi, Leiterin der Geburtshilfe der Frauenklinik Bad Nauheim, ihre Begrüßung ein. Inspiriert von den internationalen Standards der Weltgesundheitsorganisation WHO für eine positive Geburtserfahrung, verpflichte sich das Team zu einer Begleitung, die über das Übliche hinausgehe, und zwar im hebammengeleiteten Kreißsaal genauso wie im interdisziplinär betreuten Kreißsaal. Leitende Hebamme Margit Gründer erläuterte Einzelheiten des Konzepts und dankte „ihrem“ Hebammenteam herzlich.
Landrat Jan Weckler verwies in seinem Grußwort auf die aktuell schwierige Situation insbesondere kleinerer Geburtskliniken auf dem Land. In Hessen zeichne sich die baldige Schließung weiterer sechs oder sieben der aktuell noch 45 Geburtsstationen ab. „Ich bin froh, dass wir als Landkreis mit mehr als 300.000 Menschen über eine örtliche Alternative verfügen“, betonte Weckler. Er sehe den Hebammenkreißsaal als wichtiges Instrument, um die Geburtsklinik in Bad Nauheim dauerhaft zu erhalten.
Bürgermeister Kjetil Dahlhaus überbrachte Glückwünsche und Grüße der Kreisstadt Friedberg, aus der ein Gutteil der im Hochwaldkrankenhaus Neugeborenen stammt. Seine eigene Geburt in Bad Nauheim kommentierte er unter Bezug auf einen Slogan der Geburtsklinik humoristisch: Er sei sicher, so Dahlhaus, „dass ich hochgeboben wurde ‚über den Dächern von Bad Nauheim‘ und mein Blick aus dem Fenster auf den Friedberger Adolfsturm fiel“.
Eine Videobotschaft übersandte Bundestagsabgeordnete Natalie Pawlik, die selbst in einigen Wochen ihr erstes Kind erwartet. Sie wisse um die Schwierigkeit, eine betreuende Hebamme zu finden, und um die Bedeutung des Vertrauens, das werdende Eltern vor und während einer Geburt in die betreuenden Fachkräfte setzten.
Martina Klenk, Vorsitzende des Landesverbandes der Hessischen Hebammen, sprach in ihrem Impulsvortrag über die nun gesetzlich verankerte Vorgabe, dass alle Häuser mit geburtshilflicher Abteilung auch einen Hebammen-Kreißsaal anbieten müssten.
Das Hochwaldkrankenhaus habe diesen Schritt bereits vor zehn Jahren getan, aus eigener Erkenntnis und Überzeugung und ohne finanzielle Anreize, allein um Schwangeren die beste Geburtsbegleitung anzubieten, lobte Klenk.
Dr. Wolf Lütje, Geburtscoach und langjähriger Chefarzt, war aus seinem Hamburger Wohnort online zugeschaltet. Er sprach über die emotional sensible Phase der Geburt, die potenziell psychisch belastenden Erfahrungen, wenn Interventionen erforderlich seien, und stellte die Bedeutung einer traumasensiblen Geburtsbegleitung heraus. In einer Einrichtung mit einem hebammengeleiteten Kreißsaal werde auf diese Form der Geburtsbegleitung traditionell sehr viel Wert gelegt, deshalb sei das zehnjährige Bestehen einer solchen Einrichtung hoch anzuerkennen.
Mit einem gemeinsamen Essen klang der Festakt im großen Saal des Kongresszentrums der Landesärztekammer Hessen aus.
Weitere Fakten im Podium
In einer Podiumsdiskussion trugen Bad Nauheims Bürgermeister Klaus Kreß, die niedergelassene Gynäkologin Dr. Christina Zulauf, Pflegedienstleiter Mark Griffin, die stellvertretende Leitende Hebamme Sabine Schäfer und Dr. Rifi selbst weitere interessante Fakten zusammen.
So entscheiden sich etwa 50 Prozent der Frauen, die eigentlich im Hebammenkreißsaal entbinden wollten, aus unterschiedlichen Gründen unter der Geburt um; im Gegensatz zu anderen Krankenhäusern gibt es am Hochwaldkrankenhaus auch wegen des Hebammenkreißsaals keinen Mangel an Hebammen; der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund an den Bad Nauheimer Geburten hat sich im Verlauf von zehn Jahren auf 38 Prozent erhöht; für den Hebammenkreißsaal gibt es ein ausgesprochen positives Feedback.
